| Die
religiösen Streitpunkte , die im Jahre 1618 den 30jährigen
Krieg ausgelöst haben, sind im Verlauf der Auseinandersetzungen
in den Hintergrund getreten. Der anfängliche Religionskrieg
gipfelte in einer europaweiten Auseinandersetzung um die Macht;
so kämpfte beispielsweise das katholische Frankreich des Kardinals
Richelieu schließlich an der Seite der protestantischen Schweden.
Frankreich trat erst 1635 aktiv in den Krieg ein, die Schweden unter
ihrem König Gustav II: Adolf dagegen landeten schon im Sommer
1630 an der deutschen Ostseeküste. Den Protestantismus wollte
der schwedische König schützen, zugleich aber auch die
Machtstellung Schwedens festigen und ausweiten. Den Zug des schwedischen
Heeres in Richtung Süden vermochte niemand aufzuhalten.
Das kaiserliche Heer unter Tilly wurde am 17. November 1631 von
den Schweden in der Schlacht bei Breitenfeld (Sachsen) vernichtet.
Der Widerstand der katholischen Liga in Norddeutschland war damit
endgültig gebrochen, und die Schweden zogen weiter nach Süden.
Am 27. November 1631 hatte das Heer Gustav II. Adolfs dann den Main
erreicht und die Stadt Frankfurt erobert; wenige Tage später
standen die Schweden auch vor dem Rheingau.
Die Rheingauer, die sich hinter ihrer Landwehr in Sicherheit glaubten,
lehnten ein schwedischen Angebot zur Kapitulation ab und verschanzten
sich hinter dem Gebück.
Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar war der Oberbefehlshaber der
schwedischen Truppen, die vor dem Gebück lagerten. Vergeblich
stürmten die Schweden zunächst gegen das Niderwallufer
Bollwerk, den Backofen, an. Wohl mit einer List, oder besser mit
einem geschickten, kriegerischen Schachzug gelang ihnen schließlich
der Einfall in den Rheingau, mit einem nächtlichen Überraschungsangriff
an der schwächeren Stelle des Gebücks bei Neudorf (heute:
Martinsthal) durchbrachen die schwedischen Soldaten am 4. Dezember
1631 die Rheingauer Landwehr und eroberten in den darauffolgenden
Tagen der ganzen Rheingau, den sie bis zum Jahre 1625 behaupteten.
Es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, um sich vorzustellen,
das der Schwedeneinfall für den Rheingau eine Katastrophe war.
Erst im Sommer 1625 konnte die katholische Liga den Rheingau zurückerobern
und die Schweden zusammen mit ihren Hilfstruppen vertreiben. Von
unmittelbaren Kampfhandlungen blieben die Rheingauer nun bis zum
Ende dieses Krieges, das durch den Abschluß des „Westfälischen
Friedens“ im Jahre 1648 endlich erreichte werden konnte, verschont.
Doch die wirtschaftlichen Belastungen, die die einzelnen Rheingauer
Dörfer zu tragen hatten, setzten sich fort; hohe Entschädigungssummen
haben die Rheingauer an die Schweden zahlen müssen und nach
der Rückeroberung des Rheingaus wurden Schätzungen durchgeführt,
mit denen man weiter Geld aus dem Rheingau presste.
Im Vergleich zu anderen Landstrichen Deutschlands war der Rheingau
eine wirtschaftlich starke Region und kam noch glimpflich davon,
denn eine umfassende Plünderung und eine totale Brandschatzung
fand nicht statt.
Doch die nächste Katastrophe lies nicht lange auf sich warten:
Zwischen 1350 und 1700 war die Pest in Europa eine stehende Seuche,
was bedeutet, dass es in jedem Jahrhundert zum Ausbruch dieser Epidemie
kam. Insgesamt sterben an dieser Seuche 80-90% der Befallenen. Im
Verlauf des 30jährigen Krieges brachen in vielen Landstrichen
Seuchen aus; Seuchenherde bildeten sich, oft traten Hungersnöte
auf, die mit den Epidemien einhergingen.
Die schwere Pest der Jahre 1666/67 wütete auch besonders stark
im Rheingau und traf die Bevölkerung in der Phase des mühevollen
Wiederaufbaus nach dem langen Krieg. In einigen Dörfern des
Rheingaus starb die Hälfte der Einwohner.
Diesen dramatischen Bevölkerungsrückgang vor Augen und
das Wissen um die Verwüstungen durch den Krieg, so kann man
gut nachvollziehen, dass es lange gedauert, bis sich der Rheingau
von diesen Rückschlägen erholt hat.
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